Samstag, 22. Juli 2017

Ein paar Worte zu Suizid



Vielleicht werden es auch ein paar mehr. Wie ich im letzten Artikel schrieb, hänge ich derzeit im Kapitel "Suizidgedanken" für mein Buch fest. Seit ungefähr 3 Wochen kann ich nicht weiterschreiben, weil mich dieses Thema unheimlich berührt. Es löst eine tiefe Ohnmacht in mir aus. Selbst als Betroffene kann ich Angehörigen keinen vernünftigen Rat dazu geben. Ich weiß nicht, was hilft. Als ich nun vom Tod von Linkin Parks Sänger Chester Bennington erfuhr, kam das Triggerkarussell so richtig in Fahrt. Ich verstehe auch nicht warum. Ich kannte den Mann nicht persönlich und bin nicht einmal ein Fan. Die Nachricht von Chris Cornells Tod (Ehemaliger Sänger der Band Soundgarden) hat mich nicht so sehr getroffen, wenngleich doch berührt. Als ich hörte, dass die beiden beste Freunde waren, wurde ich erst recht traurig. Ich trauere nicht um Menschen, die ich nicht kannte. Das zu behaupten, wäre Blödsinn. Aber es trifft mich, wenn ein Mensch - egal ob Star oder Herr Müller von nebenan - keinen anderen Ausweg mehr sieht. Weil ich weiß, wie es ist, sterben zu wollen. Weil auch ich mich immer wieder aufs Neue für das Leben entscheiden muss darf will.

In den sozialen Medien ging die Post ab. Abgesehen von der Trauer seiner Fans, wurden Stimmen zum Thema Depressionen und Suizid laut. "Bitte sucht euch Hilfe! Redet!" Davon fühlten sich Betroffene angegriffen: "Nicht so einfach. Wer keine Ahnung hat, soll den Mund halten." Oder: "Jetzt reden alle von Depressionen und zeigen Verständnis, und in ein paar Tagen heißt es wieder: Stellt euch nicht so an!" Es wurden Telefonseelsorgenummern geteilt. Hier und da las ich die Bitte, Betroffene mögen einfach schreiben oder sagen, was sie brauchen. Man wolle doch nur helfen. Einige zeigten deutliches Unverständnis für Menschen, die den Freitod wählen, nannten es egoistisch, woraufhin sich Betroffene verteidigten. Dazwischen hüpften ein paar Trolle, die Beleidigungen um sich warfen und es nach ungehaltenen Reaktionen Satire nannten und zu mehr Humor aufriefen. Kurzum - die Emotionen kochten hoch. Es wurde getrauert, diskutiert, gestritten, gemeldet und geblockt.

Seit gestern kommen mir immer mal wieder die Tränen. Für jemanden, der nicht gut weinen kann, will das was heißen. Ich laufe gerade über vor lauter Emotionschaos. In meinem Bekanntenkreis sind schon einige auf diese Weise gegangen. Bisher war es nie ein näherer Freund aber Freunde oder Verwandte von Freunden. Mir macht das Angst. Vor ein paar Jahren dachte ich bei einer solchen Nachricht: Glückwunsch! Der hat es geschafft. Und ich bin immer noch hier. - So denke ich heute nicht mehr, worüber ich sehr froh bin. Aber ich weiß auch, dass sich das wieder ändern kann. Und ich habe Angst, dass ich eines Tages von einem Freund hören muss, dass er sich das Leben genommen hat.

Die Aufforderung zu reden, ist gut. Ich bin absolut dafür. Aber mit wem? Wer hält das aus? Wie sagt man sowas? Mir fehlen in solchen Phasen die Worte. Ich kann es nicht in Worte fassen, was emotional in mir vorgeht. Die Angst, auf jemanden zu stoßen, der kein Verständnis dafür hat und mich bekloppt, undankbar oder zu schwach schimpft, hält mich zusätzlich davon ab. Gerade die Menschen, die zum Reden ermuntern, sind oft völlig überfordert mit dem, was dann kommt. Aus Hilflosigkeit schleudern sie dann einen Kalenderspruch heraus. "Wenn du denkst, es geht nicht mehr..." Nichts macht einsamer als ein Mensch, der einen nicht versteht. Ich mache aber niemandem einen Vorwurf daraus. Das ist auch verdammt nochmal nicht einfach. Der Wunsch zu helfen, entspricht leider oft nicht der Kompetenz dazu. Das betrifft übrigens auch so manchen Therapeuten.

"Holt euch Hilfe!" ist in der Tat leicht gesagt. Ich will jetzt hier gar nicht von mangelnden Therapieplätzen, langen Wartelisten und erschlagender Bürokratie anfangen. Das würde den Rahmen sprengen. Auch nicht von möglicher Retraumatisierung in der Therapie, weil einige Therapeuten besser Automechaniker geworden wären. Fakt ist, dass viele Betroffene sich Hilfe holen wollen, aber keine oder nur unzureichende bekommen. Für bürokratische Hürden fehlt die Kraft. Einem Depressiven dann zu sagen, er würde nicht wollen, ist falsch. Und steigert das Suizidrisiko. Ich wünsche jedem Betroffenen auf diesem steinigen Weg einen Begleiter, der ihn bei diesem Kampf tatkräftig unterstützt. DAS wäre Hilfe.

Suizid ist nicht egoistisch. Wenn einmal der Tunnelblick eingesetzt hat, glaubt man, sein Umfeld von einer Last zu befreien. Natürlich empfinden die Angehörigen das nicht so. Suizid hinterlässt großen Schmerz, Wut, Fragezeichen, Verzweiflung und Schuldgefühle. Und der Betroffene hatte keine Kraft mehr. Da hilft auch keine Liebe. So traurig das klingt. Niemand ist schuld. Es mag Menschen geben, die zum Teil Verantwortung tragen, weil sie - warum auch immer - mit ihren Worten und ihrem Verhalten die Hoffnungslosigkeit geschürt und den inneren Druck erhöht haben. Aber Freunde und Angehörige, die sich um den Betroffenen gekümmert haben und für ihn da waren, trifft keine Schuld. Sie haben alles versucht. Und es war gut. Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass er trotzdem gegangen ist. Und genau das ist es, was mich so traurig macht.

Es macht mich unendlich traurig, wenn ein Mensch so lange gekämpft hat, eine Zeit lang sogar glücklich war, therapeutisch an sich gearbeitet hat, für andere viel bedeutet hat, anderen Betroffenen helfen konnte und so viel zu geben hatte und am Ende doch unter der Last seiner seelischen Wunden zusammenbricht. Chester Bennington wurde als Kind sexuell missbraucht. DAS hat ihn umgebracht. Wenn einer schuldig ist, dann die Täter aus seiner Kindheit. Manchmal ist das, was Menschen erleben und erleiden mussten, so unendlich furchtbar, dass sie nicht mehr damit leben können. Therapie hin, liebevolle Familie her. Es zerreißt mir das Herz, wenn ein Mensch psychisch so schwer verletzt ist, dass ihn nichts Heilendes mehr erreicht.

Ich habe keine Ahnung, ob ich auch nur anstatzweise das ausdrücken konnte, was in mir vorgeht. Wahrscheinlich fallen mir später noch tausend andere Dinge ein. Es ist mir bestimmt nicht gelungen, das Thema Suizid ausreichend von allen Seiten zu beleuchten. Das war auch gar nicht so sehr die Absicht. Ich musste mir das nur einfach mal von der Seele schreiben. Und dennoch bleibe ich sprachlos zurück.

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Freitag, 30. Juni 2017

Chronische Erschöpfung


Man nennt es auch Neurasthenie, und ich dachte nur: Hui, noch eine Diagnose! Was mein Psychodoc nicht alles aus dem Fachärmel zaubert! Die Liste wird immer länger.

Dienstag hatte ich wieder mein Rechtfertigungsgespräch bei der Vertrauensärztin der Krankenkasse. Ich weiß, dass ich großes Glück habe und mich eigentlich nicht beklagen darf. Ich muss nur alle 6 Monate dort hin, und letztes Mal hat sie mir sogar ein ganzes Jahr Zeit gegeben. Uneigentlich stressen mich diese Termine enorm. Das geht schon einige Wochen vorher los. Die innere Unruhe wächst. Mir wird bewusst, wie wahnsinnig schnell die Zeit vergeht. Und dass sich bei mir immer noch nichts geändert hat. Mein Psychiater ist der Meinung, dass eine "normale Arbeitsstelle" (im festen Angestelltenverhältnis unter einem Chef und in einem Team) für mich nicht mehr möglich sein wird. Da sind wir uns ja schon mal einig. Ich brauche viele Pausen und die Freiheit, mir meine Arbeit selbstbestimmt einzuteilen. Um mit einer Selbständigkeit durchzustarten, fehlt mir aber die Kraft. Da ist dieses mysteriöse Energieleck, das sich einfach nicht auffinden lässt. Mir dämmert, dass meine ganze Energie in die Existenzangst geht, die zwar schon deutlich kleiner geworden ist, jedoch jedes Mal aufs Neue zum Leben erwacht, wenn es auf den Vertrauensarzttermin zugeht. Zu der Existenzangst gesellt sich die immerwährende Frage: Wo ist mein Platz in der Welt? Was ist mein Weg? Nicht-mehr-arbeiten-können-wie-früher hin, Energieleck her - natürlich möchte auch ich etwas machen, etwas zu dieser Welt beitragen. Mit chronischer Erschöpfung wird das wohl lustig.

Da ich schon Tage zuvor am Rad drehte und die Depression wieder vehement an die Hintertür klopfte, begleitete mein Mann mich zu dem Termin, was er übrigens schon vor einem Jahr getan hatte. Und das war eine gute Idee! Durch seine Schilderung, wie er mich im Alltag erlebt, konnte sich die Vertrauensärztin ein besseres Bild von mir machen. Ich wirke ja immer so stabil außerhalb des Hauses. Dieses Mal hatte ich den Eindruck, dass sie mich für alle Zeiten auf Krankengeld setzen will.

Freue ich mich jetzt darüber? War das nicht das, was ich wollte? Seit Dienstag plagt mich eine Magenschleimhautentzündung. Mir tut der ganze Körper weh, und ich bin einfach nur platt. Als wäre ich von einem Schlachtfeld nach Hause gekommen. Einerseits bin ich erleichtert, dass sie mich nicht zum Arbeitsamt geschickt hat. Andererseits will sich keine rechte Freude einstellen. Für den Rest meines Lebens krankgeschrieben. Da wäre es, mein Grundeinkommen, wenn auch nicht ganz so bedingungslos. Kein Druck mehr, zurück ins Hamsterrad zu müssen. Aber auf ewig krank. Das wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Und es fühlt sich scheiße an! Wie versagen.

Und ich schimpfe mal wieder mit mir selber, weil ich offensichtlich nicht weiß, was ich will. Obwohl das so nicht stimmt. Ich weiß sehr wohl, dass ich am liebsten durch meine Kreativität mit selbst Geschaffenem auf eigenen Beinen stehen würde. Ich sehe nur einfach noch nicht den Weg und die Möglichkeit dazu. Und mir fehlt oft die Kraft. Sie war mal kurzzeitig zurück, aber jetzt ist sie wieder weg. Hat wohl Hummeln im Hintern. Und meine Seele kriecht weiter im Schneckentempo Richtung Heilung oder sowas in der Art.

Mein Buch schreibe ich allerdings weiter. Nur noch 3-4 Kapitel, dann muss ich Opfer zum Durchlesen finden. Ende August würde ich es gerne veröffentlichen. Ich dachte, so eine Deadline könnte vielleicht hilfreich sein. Mal sehen, ob ich Ende August tatsächlich veröffentliche oder mich kaputt lache. Im Moment hänge ich im Kapitel "Suizidgedanken" fest, was mir gerade nicht so gut tut. Dieses Schreiben ist echt anstrengend, so sehr es auch Spaß macht. Aber ich bleibe dran!

Mittwoch, 31. Mai 2017

Gedächtnis adé!

Bildquelle: Pixabay
Zu den Symptomen einer Depression gehört neben Konzentrationsstörungen auch Vergesslichkeit. Das fiel mir schon bei meiner ersten depressiven Episode mit 20 auf. Damals brachte ich das allerdings noch nicht in Verbindung mit einer möglichen Depression. "Wenn du häufig etwas vergisst, ist es einfach zu viel. Und vielleicht auch nicht so wichtig", sagte mir ein Gastdozent während meines Studiums. Naja, nicht so wichtig... Es war mir doch sehr unangenehm, wenn Kommilitonen und Freunde sich über meine mangelnde Zuverlässigkeit ärgerten.

Besonders auffällig wurde der Gedächtnisschwund bei der zweiten Episode Anfang 30. Gespräche mit Kollegen löschte mein Hirn nicht nur inhaltlich. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, überhaupt mit jemandem gesprochen zu haben. Als würde mir hinter jeder Ecke Will Smith mit diesem Blitzdings-Gerät aus "Men in Black" auflauern. Aufgaben, die mir gerade noch in den Sinn gekommen waren, verabschiedeten sich auf Nimmerwiedersehen während der paar Sekunden, die es dauerte, meine To-do-Liste auf Outlook zu öffnen. Der verzweifelte Versuch, meinem Denkapparat mit Lecithin-Tabletten unter die schlaffen Arme zu greifen, scheiterte an dem Grund, weswegen ich sie in der Apotheke gekauft hatte: Ich vergaß jeden Morgen, sie einzunehmen.

Meine guten Schulnoten verdankte ich meiner unschlagbaren Merkfähigkeit. Denn eine ehrgeizige Streberin war ich ganz sicher nicht. Ich verwendete sehr viel weniger Zeit mit Lernen als meine Mitschüler. Und das schreibe ich jetzt nicht zum Angeben. Es war einfach so. Ich war froh über diese Gabe und auch ein bisschen stolz darauf. Sie erleichterte mir das Leben.

Und jetzt... komme ich mir manchmal vor wie eine demente Omma. Mit 38. Was wird das in 30 Jahren? Ich vermisse mein gutes Gedächtnis sehr schmerzlich. Es ist mir so peinlich, wenn ich etwas vergesse. Und ich ärgere mich über mich selbst. Zuverlässigkeit ist mir äußerst wichtig. Nicht nur bei mir sondern auch bei anderen. Allerdings bin ich da natürlich nachsichtiger. Ich möchte nicht als unzuverlässig, schusselig und unaufmerksam oder desinteressiert gelten. Ich gebe mir wirklich alle Mühe, die Bedingungen so zu gestalten, dass ich so wenig wie möglich vergesse. Leider macht mir mein Umfeld oft einen Strich durch die Rechnung.

In dem Stall, in dem unsere Pferde stehen, gibt es eine Stallgemeinschaft. Wir müssen unsere Pferde selbst versorgen und teilen die Dienste gerecht untereinander auf. Dafür gibt es Dienstpläne. Die ändern sich hin und wieder. In der Boxenzeit sind andere Dienste zu verrichten als zur Sommerzeit, wenn die Pferde auf der Wiese stehen. Soweit komme ich noch mit. Da Pferde und Menschen aber verschiedene Vorstellungen und Bedürfnisse haben, kann jeder individuell für sein Pferd entscheiden, ab wann er es draußen lässt, oder ob es durchgehend auf der Wiese bleibt oder über Nacht auf ein Paddock gestellt wird. Das finde ich gut. Aber es bringt auch einiges durcheinander. Also mich. Die Entscheidungen wechseln teils täglich, teils innerhalb weniger Wochen. Und jedesmal müssen neue Absprachen wegen der Dienste getroffen werden. Mir meine Dienste auf den Kalender zu schreiben, nutzt also herzlich wenig. Und wann welches Pferd wohin kommt, kann ich mir auch nicht merken. Ich hasse es! Weil ich Angst davor habe, etwas zu vergessen oder falsch zu machen und deswegen Ärger zu bekommen. Ist einmal passiert. Der Stallkollege hat sich zwar entschuldigt für seine heftige Reaktion, aber die Nacht davor war schlaflos. Ich habe schon mehrmals gesagt, dass ich mit dem häufigen Wechsel nicht zurecht komme. Wahrscheinlich wirke ich dadurch unflexibel. Dabei will ich doch einfach nur, dass es nicht auffällt, wie vergesslich ich bin. Das kostet mich sehr viel Kraft. Und wenn ich dann in verständnislose Augen blicke, fühle ich mich... behindert. Und das meine ich nicht als diskriminierendes Schimpfwort sondern wörtlich.

Es fällt mir unheimlich schwer zu akzeptieren, dass mein Gedächtnis nachhaltig gelitten hat. Auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie während der akuten Episoden. Es hat sich nicht vollständig erholt. Und nein, Zettel schreiben hilft nichts. Entweder die Zettel verschwinden, oder ich vergesse, dass ich Zettel geschrieben habe und schaue deshalb nicht drauf. Außerdem hasse ich Zettelwirtschaft. Mir ist das zu chaotisch. Lieber baue ich Eselsbrücken. Da ich aber kein Ingenieur bin, stürzen die regelmäßig ein. Mangelhafte Statik.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Als Kind hochsensibel und introvertiert sein


Als ich zu Ostern bei meinen Eltern eingeladen war, gab meine Mutter mir zum Abschied meine muffig riechenden Grundschulzeugnisse mit. Ich dachte: Ach, du Schande! Was soll ich denn damit? Steht doch eh überall dasselbe drin. Und erinnert mich jetzt an nicht so schöne Zeiten. Denn ich habe die Schule gehasst. Nicht weil ich schlechte Noten hatte, sondern wegen des oft unangenehmen Menschenkontakts, der größtenteils langweiligen Unterrichtsinhalte und der einengenden Vorgaben. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich in einer Religionsprüfung eine Meinungsfrage beantworten musste und mich fragte, wie der Lehrer das bewerten will. Er bewertete es schlecht. Meine Meinung war falsch. Und ich dachte: Wieso fragt er mich nach meiner eigenen Meinung, wenn er eigentlich seine hören wollte? Das ist doch totaler Nepp! Unfair! Ja, Bewertung mag ich auch nicht.

In der Grundschule wurde neben den Fächern auch das "Betragen" bewertet. Was für ein antiquiertes Wort! Betragen. Wie ich sehr richtig in Erinnerung hatte, stand in sämtlichen Bemerkungen zu den einzelnen Trimestern: Yvonne könnte noch aktiver am Unterricht teilnehmen. Yvonne sollte lebhafter sein. Mehr Selbstvertrauen! Yvonne sollte sich mehr einbringen!

Was habe ich als Kind daraus gelernt? Ich bin nicht richtig, wie ich bin. Kein Wunder, dass es mir an Selbstvertrauen mangelte! Die anderen Kinder waren lauter, schneller, größer und stärker - und wurden meist dafür gelobt. Das wurde besonders beim Sport deutlich. Beim Gruppenwählen blieb ich immer unter den Letzten auf der Bank. Raue Ballspiele waren nicht mein Ding. In der Klasse vor den anderen zu sprechen, kostete mich große Überwindung. Beim Vorlesen habe ich gestottert, was zur allgemeinen Belustigung beitrug. Wenn einem sonst keiner zuhört, weil man zu leise redet, von anderen Dingen spricht oder einfach nicht zu Wort kommt, weil alle so laut sind, sagt man irgendwann gar nichts mehr. Wenn man es muss, gerät man ins Stottern. Und dann lachen auch noch alle.

Wie oft habe ich nicht in der Schule gesessen und gedacht: Zu Hause könnte ich jetzt mein Bild fertig malen oder im Brockhaus nachlesen, wie eine Sonnenfinsternis funktioniert und was eine Supernova ist. Es hat mich geärgert, dazu gezwungen zu sein, meine Zeit mit öden Themen zu vergeuden. Am schlimmsten fand ich Gruppenarbeiten! "Findet euch mal in Gruppen zusammen!" Zack - nach einer Sekunde hatten sich schon alle gefunden. So schnell konnte ich gar nicht gucken.

Schlimm genug, dass die anderen Kinder mich doof fanden, nein, die Lehrer bliesen ins selbe Horn. "Du musst mal aus dir herauskommen!" Warum durfte ich nicht ich sein? Warum müssen sich immer nur die introvertierten Menschen ändern? Der extrovertierte Mensch, der ständig Kontakt sucht und jeden Tag auf 10 verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzt, scheint das Ideal zu sein. Man geht davon aus, dass Menschen, die gern allein sind, Zeit für sich brauchen und in zenartiger Ruhe eins nach dem anderen erledigen, ein großes Problem haben und darunter leiden. Denen muss man helfen! Damit sie mehr aus sich herauskommen! Nein, Danke! Die einzige Hilfe, die ich gebraucht hätte, wäre gewesen, mir beizubringen, wie ich mich vor Reizüberflutung schützen kann, und mich in meiner Persönlichkeit zu unterstützen und zu fördern. Aber Moment - die Schule soll einen ja auf das Berufsleben vorbereiten.

Natürlich gab es auch das eine oder andere Fach, das ich mochte. Literaturgeschichte und Kunst zum Beispiel. Oder Biologie und Physik - endlich Antworten auf meine Fragen! Und ja, ich hatte auch Freundinnen. Freundschaften bleiben aber bis heute ein schwieriges Thema für mich. Ich weiß auch nicht, woran das liegt.

Als ich in das Partyalter kam, waren einige Schulkameraden erstaunt, dass ich die Tanzfläche zu meinem neuen Königreich erklärte. "Ach, da blühst du wohl auf?" Wenn ihr wüsstet, dachte ich. Ihr habt alle so gar keine Ahnung von mir! Es schaut ja auch keiner hin oder fragt mal nach. Ich bin nun mal keine sich aufdrängende Selbstdarstellerin. Ich blieb dennoch die Komische. "Wieso bist du so?" fragte meine Freundin, weil ich mittags lieber nach Hause ging, statt mit den anderen in der Stadt abzuhängen. Heute verstehe ich, warum: Ich brauchte eine Pause, Zeit für mich. Von 8 - 5 Uhr permanent unter Menschen... Ich wäre durchgedreht.

Und doch... Der Druck, aus mir herauszukommen, stieg, das Abi rückte näher und damit das Berufsleben. Da ich glaubte, ein Problem zu haben und mich ändern zu müssen, ging ich über meine Grenzen und passte mich der Allgemeinheit an. Mit Erfolg. Ich bekam Lob. Aber es reichte nie. "Da geht noch mehr! Das ist noch zu wenig!" Besonders während meiner ersten Berufserfahrungen wurde 100% Performance von mir verlangt. Man war nicht zufrieden mit mir. Man fand mich wieder komisch, weil ich es hasste, ans Telefon zu gehen, und stattdessen lieber mit dem klingelnden Ding Kollegen hinterherlief: "Telefoooon!" Ich wurde gewogen und für zu leicht befunden. Schlecht bewertet. Ich bin nicht wert genug.

Mit den Jahren ging ich immer mehr über meine Grenzen, weil ich glaubte, es müsse so so sein. Mir fiel auch gar nicht mehr auf, dass ich mich selbst überforderte, wunderte mich allerdings über Erschöpfung, körperliche Symptome und emotionale Abgeschlagenheit. Mittlerweile telefonierte ich (Arbeitsplatzaquise - das pure Grauen), war ständig von Menschen umgeben (auch wenn ich mir zwischendurch einsame Nischen suchte), sprach vor Chefs und Kollegen, verteidigte in Diskussionen meine Meinung, meldete mich freiwillig in Gruppen zu Wort und übernahm Klienten, die keiner wollte. Klingt nach der erfolgreichen Verwandlung einer Introvertierten. Das Ende kennt ihr. Burn Out, Depression.

Meine alten Zeugnisse zu lesen, hat mich so wütend gemacht. Weil man mir eingeredet hat, ich müsse mich ändern, bin ich krank geworden. Weil ich weder hochsensibel noch introvertiert sein durfte. Weil man mich unter Druck gesetzt hat, über meine Grenzen zu gehen und mich zu überfordern. Es gibt auch ein positives Übersichhinauswachsen, die Komfortzone verlassen, wo angeblich "the magic happens". Es ist gut, seine Grenzen zu testen und gegebenenfalls auszuweiten. Aber nicht so! Ich sollte mich dauerhaft gegen meine Natur verhalten. Das ist nicht gesund!

Ihr lieben Mamis und Papas:
Falls ihr findet, euer Kind sei zu schüchtern und zu sensibel und leide darunter, überlegt mal, ob es vielleicht hochsensibel und / oder introvertiert ist. Ein introvertiertes Kind leidet nicht an seiner Introvertiertheit, sondern an der mangelnden Akzeptanz seiner Persönlichkeit und dem Druck, anders sein zu müssen. Lasst es lieber wissen, dass es gut ist, wie es ist, und dass es genau so sein darf. Unterstützt euer Kind dabei, wie es als HSP gut durch die Welt kommt. Fördert die Interessen eures Kindes, auch wenn sie anders sind. Presst es nicht in eine von der Masse vorgegebene Form. Helft ihm besonders bei der Berufswahl. Eine introvertierte HSP hat andere Bedürfnisse bei der Ausübung einer Arbeit.